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Wintergeschichten

Hier findest du demnächst eine Fortsetzungsgeschichte zu meinen Winterfrauen. 

Zu Geschichte: 
Eine Frau, ein Mann, ein Streit. Sie lässt ihn stehen. In Dänemark. 

1

Der Wind drückte gegen die Autotür, kaum dass Liv sie öffnete.
 
 Salz in der Luft. Nasses Holz. Irgendwo Tang.
 
Vor ihnen stand das Ferienhaus. Weiß gestrichen, dunkles Dach, kleine Fenster. Auf den Bildern im Internet hatte es wärmer gewirkt. Freundlicher vielleicht. Jetzt lag es einfach nur da, flach unter dem grauen Himmel, als hätte es selbst keine Lust auf Besuch.
 
 Neben ihr blieb Henning sitzen.
 
 Das Display seines Handys leuchtete sein Gesicht blau an.
 
 „Ich muss kurz zurückrufen.“
 
 Liv nickte trotzdem. Er sah es nicht mehr.
 
 Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, als sie den Kofferraum öffnete. Eine Tasche nach der anderen. Lebensmittel. Jacken. Die Thermoskanne, die sie nie benutzten und trotzdem immer mitnahmen.
Der flüchtig im Nacken zusammengesteckte Knoten löste sich wieder, als sie schwungvoll die Kiste mit zusätzlichen Decken aus dem Wagen hob. Ihr Haar versperrte ihr sofort die Sicht, weil der stürmische Wind auf der Düne das ausnutzte. Sie fluchte. 
 
 Hinter ihr begann Henning zu sprechen. Ruhig. Sachlich. Diese Stimme, die keine Pausen machte, damit niemand Fragen stellte. Ihre Hände waren voll. Er sah es. Aber er drehte ihr den Rücken zu und sprach weiter.
Vielleicht sollte sie seine Sachen im Auto lassen? 
 
 Im Haus war es kühl.
 
 Die Luft roch nach Staub und Filterkaffee. Ferienhausgeruch. Überall derselbe, egal in welchem Land man ankam.
 
 Liv stellte die Milch in den Kühlschrank. Gesellte sich zu einem Glas Senf. Halbvoll. Vom Vormieter.
 
 Sie las automatisch die Zutatenliste. Wasser, Senfsaat, Branntweinessig. Als könnte dort plötzlich etwas anderes stehen.
 
 Die Haustür fiel ins Schloss.
 
 „Die Verbindung war katastrophal“, sagte Henning.
 
 „Hm.“
 
 Mehr kam nicht. Nicht mal ein „Danke“ angesichts des Gepäckbergs, der es schwer machte, den Flur zu durchqueren. 
 
 Sein Blick wanderte kurz durch den Raum, als müsste er prüfen, ob noch alles an seinem Platz war. Dann legte er die Autoschlüssel ordentlich in eine kleine Keramikschale neben der Tür.
 
 Liv beobachtete seine Hände.
 
 Große Hände. Ruhige Hände. Hände, die immer etwas wegräumten, sobald es schwierig wurde.
 
 „Schön hier“, sagte er nach einer Weile.
 
 Draußen bewegte sich das Dünengras im Wind. Dahinter nur graues Meer.
 
 „Ja.“
 
 Der Satz fiel zwischen sie wie etwas, das schon lange niemand mehr aufgehoben hatte.
 
 Später trug Liv die Bettwäsche nach oben.
 
 Die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt. Oben führte ein schmaler Flur zu zwei Türen. Beide offen.
 
 Sie blieb stehen.
 
 Im linken Zimmer ein schmales Doppelbett. Im rechten zwei einzelne Decken auf sauber gefaltetem Leinen. 
 
 Unten lief Wasser im Waschbecken.
 
 „Henning?“
 
 „Hm?“
 
 Er kam die Treppe hoch, langsam, eine Hand noch am Geländer.
 
 Liv deutete wortlos auf die Zimmer.
 
 Für einen Moment sagte niemand etwas.
 
 Dann zuckte Henning leicht mit den Schultern. „Ach so.“
 
 Nicht überrascht. Nicht irritiert.
 
 Nur müde.
 
 Etwas zog sich tief in Livs Brust zusammen.
 
 „Wir könnten fragen, ob...“
 
 „Ist egal.“
 
 Zu schnell gesagt.
 
 Henning nickte sofort. Genau das machte es schlimmer.
 
 Am Abend saßen sie draußen vor dem Haus. Zwei Gläser Wein zwischen ihnen, beide zu warm geworden. Der Wind hatte aufgefrischt. Liv zog die Strickjacke enger um sich.
 
 Unten am Strand lief ein Junge gegen die Böen an, die Arme ausgebreitet, als müsste er beweisen, dass der Wind ihn nicht umwerfen konnte.
 
 Liv sah ihm nach.
 
 Henning scrollte durch Nachrichten.
 
 Das Licht seines Displays spiegelte sich in seinen Brillengläsern.
 
 „Weißt du noch“, fragte sie irgendwann, „wie wir früher nachts ans Wasser gegangen sind?“
 
 Henning blickte auf. Erst nach ein paar Sekunden.
 
 „In Schweden?“
 
 „Mhm.“
 
 Er dachte kurz nach. „Da war es wärmer.“
 
 Fast hätte sie gelacht.
 
 Nicht weil es lustig war.